Allergievorbeugung
bei Kindern
Die
ersten Lebensmonate entscheiden
Bonn, 12.12.11
Sollten Kinder mit erhöhtem Allergierisiko allergenarm ernährt werden – oder
ist diese Vorsichtsmaßnahme überflüssig? Bei der Beantwortung dieser Frage ist
der Zeitpunkt entscheidend: In den ersten vier Lebensmonaten bringt allergenarme
Ernährung, also Muttermilch oder hypoallergene
Säuglingsnahrung, einen klaren Vorteil1. Ab
dem fünften Monat dürfen die Kleinen auch Beikost erhalten. Dabei sollten sich
Mütter an die Empfehlungen der deutschen Ernährungskommission halten.
Kinder aus Allergikerfamilien
haben ein erhöhtes Risiko, ebenfalls eine allergische Erkrankung zu entwickeln.
Experten empfehlen, diese Kinder ebenso wie Kinder ohne erhöhtes Allergierisiko
mindestens vier Monate voll zu stillen. Wenn dies nicht möglich ist, sollten
sie mit einer hypoallergenen Säuglingsnahrung, einer
so genannten HA-Nahrung, mindestens bis zum Ende des vierten Lebensmonats (zu-)
gefüttert werden. „Erst danach mit einer HA-Nahrung zu beginnen, hat zumindest
aus allergologischer Sicht wenig Sinn. Denn das Zeitfenster, in dem eine
allergenreduzierte Ernährung einen günstigen Einfluss auf das Allergierisiko
nehmen kann, scheint auf die ersten vier bis sechs Lebensmonate begrenzt zu
sein“, erklärt Dr. Andrea von Berg, Leiterin des Forschungsinstituts zur
Prävention von Allergien und Atemwegserkrankungen im Kindesalter, im
Marien-Hospital Wesel. Ob eine HA-Nahrung in diesem entscheidenden Zeitraum
tatsächlich eine vorbeugende Wirkung bei Kindern mit Allergierisiko hat, haben
Wissenschaftler in zwei Metaanalysen2, 3 untersucht. Dazu haben sie
alle seriösen Studien zur Wirksamkeit hypoallergener Säulingsnahrung kritisch betrachtet. Das Ergebnis: Im
Vergleich zu herkömmlicher Säuglingsmilch auf Kuhmilchbasis kann hypoallergene Nahrung das Risiko für Neurodermitis bis zu
50 Prozent senken. Das gilt jedoch nicht für jede HA-Nahrung gleichermaßen. Von
Berg: „Wir haben in Studien4 festgestellt, dass das Verfahren, mit
dem das Milcheiweiß in kleine Bausteine zerlegt wurde, für die Wirksamkeit der
HA-Nahrung entscheidend ist. Da für Eltern die Beurteilung der allergievorbeugenden
Wirksamkeit einer HA-Nahrung schwierig ist, sollten sie sich von ihrem
Kinderarzt beraten lassen.“
Schonen
oder trainieren – alles zu seiner Zeit
Anders als noch vor wenigen Jahren vermutet,
ist eine hypoallergene Ernährung nach dem vierten
Lebensmonat nicht mehr notwendig. Jetzt kann und sollte sich das kindliche
Immunsystem allmählich auch mit verschiedenen Nahrungsmitteln auseinander
setzen. Die Fachgesellschaften für Allergologie und Kinderheilkunde empfehlen1
bei Kindern mit und ohne erhöhtem Allergierisiko nach dem vierten bis sechsten Monat mit dem
Zufüttern von Beikost zu beginnen. Dabei dürfen im Sinne einer ausgewogenen
Ernährung auch Lebensmittel eingeführt werden, die nach früheren Empfehlungen
im ersten Jahr vermieden werden sollten, wie beispielsweise Fisch. Vor dem
fünften Monat damit zu beginnen, ist aus allergologischer, aber auch aus
ernährungswissenschaftlicher Sicht nicht sinnvoll.
Weitere
Informationen für Eltern allergiegefährdeter Kinder enthält der Ratgeber
„Allergieprävention und Ernährung“. Er ist kostenlos und kann postalisch oder
im Internet bei der Deutschen Haut- und Allergiehilfe bestellt werden: DHA e.V.,
Heilsbachstraße 32, 53123 Bonn, www.dha-allergien-vorbeugen.de.
Auf der Internetseite steht außerdem die aktuelle Fassung der offiziellen
Leitlinien zur Allergieprävention zum kostenlosen Download zur Verfügung.
1 Leitlinien zur
Allergieprävention 2009 der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen
Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF): Deutsche Gesellschaft für Allergologie
und Immunologie (DGAKI), Ärzteverband Deutscher Allergologen (ÄDA), Deutsche
Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ), Deutsche Dermatologische
Gesellschaft (DDG), Gesellschaft für Pädiatrische Allergologie (GPA); Infos
unter http://leitlinien.net/
bzw. http://www.uni-duesseldorf.de/AWMF/ll/061-016.htm
2 Alexander AD, Cabana MD (2010), JPGN 50 (4): 1-9
3 Szajekska H,
Horvath A (2010), Curr Med Res Opin
26 (2): 423-439
4 Berg A
von et al: Preventive Effect of hydrolysed infant formulas persists until age 6
years: Long-term results from the German Infant Nutritional Intervention Study
(GINI); Journal of Allergy and Clinical Immunology, Volume 121, 2008
Das komplette Interview mit Dr. Andrea von Berg können Sie hier
als PDF herunterladen.