Säuglingsnahrung

Eiweiß ist nicht gleich Eiweiß

Bonn, 01.12.14 Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) fordert in einer aktuellen Stellungnahme1 neue Qualitätsstandards für Säuglingsnahrungen. Das betrifft unter anderem den Gehalt und die Zusammensetzung des Milchproteins (Milcheiweiß): Beides sollte sich so weit wie möglich an der Muttermilch orientieren. Für HA-Nahrungen fordern die Experten, dass sie ihre allergievorbeugende Wirkung in wissenschaftlichen Studien belegen.

Eiweiß ist einer der wichtigsten Körperbausteine: Als Strukturprotein ist es für den Aufbau von Muskeln, Organen und Nervenfasern verantwortlich. In Form von Antikörpern, Hormonen und Enzymen steuert Eiweiß sämtliche Stoffwechselvorgänge des Körpers. Gerade für Säuglinge, bei denen viele Körperfunktionen noch reifen müssen, ist Eiweiß daher von größter Bedeutung. Gestillte Kinder erhalten mit der Muttermilch automatisch zu jedem Zeitpunkt der Stillphase die richtige Menge und Qualität an Eiweiß, die sie für ihre Entwicklung benötigen. Industrielle Säuglingsnahrung kann diese kontinuierliche Anpassung an den kindlichen Organismus nicht ganz erreichen. Dennoch bekommen auch Kinder, die nicht gestillt werden können, mit den heutigen Anfangs- und Folgenahrungen alles, was sie für ein gesundes Wachstum brauchen.

Auf die Zusammensetzung kommt es an

Nach den Forderungen der EFSA liegt der Eiweißgehalt idealerweise bei durchschnittlich 1,8 Gramm pro 100 kcal und ist damit dem der Muttermilch bestmöglich angepasst. Mehr Eiweiß ist nicht nötig und birgt sogar die Gefahr späteren Übergewichts. Doch nicht nur die Eiweißmenge ist entscheidend, sondern auch die Qualität. So sollte sich die Zusammensetzung der Eiweißbausteine, wissenschaftlich als Aminosäureprofil bezeichnet, ebenfalls an der Muttermilch orientieren. Diese Empfehlungen gelten für herkömmliche Säuglingsnahrung genauso wie für hypoallergene (HA) Nahrung, die für Kinder mit erhöhtem Allergierisiko konzipiert wurde. HA-Nahrung ist allergenarm, das heißt, der Anteil an potenziell allergieauslösendem Milcheiweiß ist durch gezielte Spaltung der Eiweißketten reduziert. Die Größe der entstehenden Bruchstücke lässt allerdings keine Rückschlüsse darauf zu, wie gut das Allergierisiko erblich vorbelasteter Kinder tatsächlich gesenkt wird. Dies muss jeder Hersteller von HA‑Nahrung in klinischen Studien beweisen, so die Forderung der EFSA-Experten.

Von Arzt oder Hebamme beraten lassen

Bisher gibt es nur sehr wenige Babynahrungen, die alle Anforderungen an Eiweißquantität, Eiweißqualität und Allergieschutz erfüllen. Welche das sind, ist anhand der Verpackung meist nur schwer zu erkennen. Um auf Nummer sicher zu gehen, sollten Mütter, die nicht oder nicht voll stillen können, ihre Hebamme oder ihren Kinderarzt um Rat fragen. Diese wissen am besten, welche Säuglingsnahrung für welches Kind geeignet ist.

Die wichtigsten Ergebnisse der größten wissenschaftlichen Studie zur allergievorbeugenden Wirkung von HA-Nahrungen (GINI)2 sowie allgemeine Informationen zum Einfluss der Ernährung von Säuglingen auf das Allergierisiko bietet die Deutsche Haut- und Allergiehilfe e.V. im Internet unter www.dha-allergien-vorbeugen.de.

1 Scientific Opinion on the essential composition of infant and follow-on formulae, EFSA Panel on Dietetic Products, Nutrition and Allergies (NDA)2,3, European Food Safety Authority (EFSA), Parma, Italy, EFSA Journal 2014;12(7):3760, http://www.efsa.europa.eu/de/efsajournal/doc/3760.pdf

2 German Infant Nutritional Intervention (GINI) study: Bei hypoallergen ernährten Kindern ist die Neurodermitisrate je nach Art der HA-Nahrung um bis zu 33% niedriger als bei denen, die herkömmliche Säuglingsmilch erhalten haben. “Allergies in high-risk school children after early intervention with cow’s milk protein hydrolysates: 10-years results from the German Infant Nutritional Intervention (GINI) study”, von Berg et al, J Allergy Clinic Immunol Vol 131 (6), 1565-1573.e5, June 2013